Urteil des OLG Hamm zur Anwendung der DIN 18195-6 bzw. DIN 18533

In der zweiten Jahreshälfte des letzten Jahres gab es in Fachkreisen große Irritationen, die durch das problematisches Urteil des OLG Hamm (Urteil des OLG-Hamm vom 14.08.2019 - 12 U 73/18, PMBC im Übergang auf Bauteile aus WU-Beton in DIN 18195-6 bzw. DIN 18533)  hervorgerufen wurden.

Das noch nicht rechtskräftige Urteil  berührt m. E. die Grundsätze der Beratung und Veröffentlichung von Normen durch die Arbeitsausschüsse des DIN auf der Basis der Regelungen von DIN 820. Die Reaktion des DIN auf dieses Urteil kann sowohl für Bausachverständige als auch für die Bauwirtschaft allgemein und für die Arbeit an den in Fachkreisen hochgeschätzten WTA-Merkblättern maßgebliche Auswirkungen für die Bedeutung von DIN-Normen haben, die aufgrund ihrer Entstehung die Vermutung für sich haben, als allgemein anerkannte Regel der Technik zu gelten.

Zwischenzeitlich wurde vom DIN und dem für die DIN 18533 zuständigen Arbeitsausschuss das Thema "Kombinationsabdichtung mit PMBC am Übergang auf WU-Betonkonstruktionen" in Bezug auf das Urteil des OLG Hamm überprüft und in einem internen Audit die Entstehung noch einmal im Detail geklärt. Das DIN hat hierzu eine offizielle Stellungnahme veröffentlicht. Die Stellungnahme stützt die Argumentation von Experten und ist im Hinblick auf die Diskussion in der Fachöffentlichkeit, wie mit dem Urteil umzugehen ist, ein wichtiger Baustein. Sie dient auch dazu, bei der Anwendung auf den Baustellen und bei Gericht weitere Irritationen zu vermeiden.

Neue Arbeitsgruppe „Radon im Gebäudebestand“

Das radioaktive Edelgas Radon und seine Zerfallsprodukte sind seit langem als Auslöser für die Erkrankung an Lungenkrebs bekannt. Paracelsus beschrieb bereits 1567 die Bergsucht (später Schneeberger Krankheit), eine insbesondere bei den Bergleuten im Erzgebirge auftretende Erkrankung der Atemwege. Mittlerweile weiß man, dass die hohe Belastung mit Radon und seinen Zerfallsprodukten die Erkrankungsursache war.

Die Konzentration von Radon in der Luft wird in der Maßeinheit Bq/m³ angegeben. 1 Bq/m³ bedeutet dabei einen radioaktiven Zerfallsprozess pro Sekunde in einem Kubikmeter Luft. Durch eine Reihe weltweiter Studien konnte inzwischen nachgewiesen werden, dass Radon nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für die Erkrankung an Lungenkrebs ist. Diese Studien lassen den Schluss zu, dass es hinsichtlich der Radonkonzentration in der Raumluft keinen Schwellenwert für das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, gibt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt deshalb die Radonkonzentration in Innenräumen auf 100 Bq/m³, bzw. - sollte das nicht erreichbar sein - auf 300 Bq/m³ zu beschränken. In der EU-Grundnorm 2013/59/EURATOM vom 05.12.2013 wird ein Referenzwert von 300 Bq/m³ für Aufenthalts- und Arbeitsräume vorgegeben, der nicht überschritten und, so möglich, unterboten werden soll. Das neue deutsche Strahlenschutzgesetzt (Inkrafttreten 31.12.2018) und die Strahlenschutzverordnung der Bundesrepublik Deutschland übernehmen den Referenzwert von 300 Bq/m³. Somit sind der Radonschutz und die sich daraus ergebenden Anforderungen auch im Baubereich angekommen. Die Auseinandersetzung mit dem baulichen Radonschutz beginnt für Planer, Bauausführende und Sachverständige in dem Moment, wo sie Bauleistungen an bestehenden Gebäuden konzipieren, planen, durchführen oder begleiten.

Während im Neubaubereich der bauliche Radonschutz durch eine luft- bzw. gasdichte Ausbildung der erdberührten Gebäudehülle relativ unproblematisch umgesetzt werden kann, sind die Lösungen im Gebäudebestand deutlich komplexer und aufwändiger. Vor allen Dingen in älteren Gebäuden ist die erdberührte Gebäudehülle in der Regel nicht luftdicht ausgebildet und es kann die erforderliche Luftdichtheit mit vertretbarem Aufwand zumeist nicht erreicht werden. Hier müssen deshalb andere Lösungen zur Anwendung kommen, die umfangreiche Voruntersuchungen sowie eine detaillierte Planung und Baubegleitung erfordern.  Hieraus resultieren für die am Bau handelnden Personen umfangreiche Kooperations- und Beratungspflichten sowie Haftungsrisiken.

Mit der Reduzierung der Luftdurchlässigkeit der Gebäudehülle, die unabwendbare Folge jeder fachgerecht durchgeführten energetischen Sanierungsmaßnahme ist, reduziert sich zudem die natürliche Austragung von Radon aus den Gebäuden ins Freie, die Radonkonzentration in der Innenraumluft kann dadurch deutlich ansteigen und in ungünstigen Fällen ein Mehrfaches der vorher vorhandenen Konzentration erreichen. 

Auf Grund der hier kurz geschilderten Besonderheiten und speziellen Anforderungen an den baulichen Radonschutz in Bestandsgebäuden wurde die Gründung der WTA Arbeitsgruppe „Radon im Gebäudebestand“  beantragt und vom erweiterten Präsidium der WTA e.V. genehmigt.

Zielsetzung für die Arbeitsgruppe ist die Erarbeitung eines WTA-Merkblattes, das den Bauschaffenden einen Leitfaden zum Umgang mit Radon im Gebäudebestand an die Hand gibt. Inhalt des Merkblattes werden grundlegende Aussagen zum Radoneintritt und zur Radonverteilung in Gebäuden, zur Messung der Radonkonzentration und zu Radonschutzmaßnahmen unter Berücksichtigung der baulichen Gegebenheiten und – falls erforderlich - denkmalpflegerischer Anforderungen sein.

Angedacht ist ein Merkblatt in einem der internationalen Ausrichtung der WTA angepassten Format mit einem Kernbereich, der die allgemeingültigen, von nationalen Festlegungen unabhängigen Erkenntnisse zusammenfasst, und nationalen Anhängen, die die länderspezifischen Regelungen beinhalten und auf nationaler Ebene fortgeschrieben werden. Sofern die erhoffte und erwünschte internationale Beteiligung erfolgt, wird das Merkblatt in englischer Sprache erarbeitet und veröffentlicht.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Frau Schneider in der Geschäftsstelle oder Marc Ellinger.